„FinTech – das kann das nächste große Ding werden“

von Jens Spahn, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen

Die Einführung des SEPA-Verfahrens war ein großer Schritt nach vorne. Konten sind jetzt europaweit klar zuzuordnen, der Zahlungsverkehr stark vereinfacht. Einfacher – für die Banken. Jeder weiß aus der eigenen Erfahrung, wie viel komplizierter eine Überweisung geworden ist, seitdem dafür eine 22stellige IBAN nötig ist und nicht wie vorher eine relativ leicht zu merkende 8stellige Bankleitzahl und eine maximal zehnstellige Kontonummer. Die wenigsten Kunden sind Zahlenmagier, die sich 22 Stellen auf einmal merken können. Die Umstellung – so sinnvoll sie aus regulatorischer oder praktischer Sicht auch gewesen sein mag – war das Gegenteil dessen, worauf sich der Banken- und Versicherungssektor in Deutschland konzentrieren sollte: Die Hinwendung zum Kunden und deren Bedürfnisse. Wie die Erfahrung aus anderen Branchen lehrt, sind das: Transparenz, einfache Bedienung und Qualität.

Jens_Spahn_KLAUS_webDie Geschichten gibt es zuhauf: Nokia war mal der weltgrößte Handyhersteller, Kodak der weltgrößte Hersteller rund um das Thema Fotografie, Kaufhäuser im Einzelhandel, Taxizentralen als Alleinherrscher über Mobilität und so weiter. Hätte zum Höhepunkt der Erfolgsgeschichte von Nokia jemand gesagt, dass das mal irgendwann anders sein würde, hätte man bei den Finnen vermutlich müde gelächelt. 2012 kam es doch anders: Samsung überholte Nokia, weil Nokia schlicht die Generation Smartphone nicht hat kommen sehen. Ist als nächstes die deutsche Automobilindustrie an der Reihe? Und der Bankensektor? Auf beiden Feldern sind wir noch relativ gut aufgestellt, sind selbst aber nicht die Treiber von Innovation. Die Disruption ganzer Branchen läuft immer nach dem gleichen Schema ab. Ein kleines, innovatives Unternehmen bringt ein Produkt auf den Markt, das von den großen Playern belächelt wird. Sobald das Unternehmen eine relevante Anzahl an Kunden überzeugt hat, wächst der Kundestamm rasant und am Ende ist das Geschäftsmodell derer bedroht, die eben noch gelächelt haben. Heute ist PayPal an der Börse mehr wert, als die Deutsche Bank. Wenn Banken nicht zur bloßen Grundinfrastruktur eines vitalen und innovativen Finanzmarktes degradiert werden wollen, müssen sie selbst die Schritte gehen, die auf ihre eigene Abschaffung zielen. Das ist schwer, aber notwendiger denn je.

FinTech – das kann das nächste große Ding werden. Überweisung per Augenkontakt, Alternativwährungen, Kredite aus der Crowd – viele Produkte gibt es schon und doch ist das nur der Anfang. Neue Produkte brauchen am Ende das Vertrauen der Kunden, um sich durchzusetzen. Banken haben eine einzigartige Beziehung zu ihren Kunden. Diese kann der Ausgangspunkt für neue Geschäftsmodelle sein. Wenn sie sich an den Kundenwünschen orientieren und nicht an dem, was der Verkäufer verkaufen will. Diese Orientierung muss noch stärker zum Leitbild werden.

Das wird langfristig auch regulatorische Fragen betreffen, wobei der Verbraucherschutz immer ein hohes Gut bleiben sollte. Die Kunst ist es, das richtige Maß zu finden. Nutzer von Finanzdienstleitungen angemessen schützen und gleichzeitig die Aktivitäten von Unternehmen, zum Beispiel durch zu viel Bürokratie, nicht zu sehr einschränken. Ich glaube, da haben wir die perfekte Lösung noch nicht gefunden. Eine Frage ist zum Beispiel, ob seitenlange AGBs tatsächlich diesem Ziel dienen oder nicht doch eher der Absicherung des Stärkeren in dieser Beziehung. Das sollten wir in Zukunft weiter im Blick behalten, gerade dann, wenn Verträge zunehmen im Netz abgeschlossen werden.

Wir sollten den Wandel der Branche gestalten und nicht verschlafen. Lassen Sie uns das gemeinsam angehen. Das Bundesfinanzministerium beschäftigt sich intensiv mit den aktuellen Entwicklungen und wird in den nächsten Monaten eine Veranstaltungsreihe dazu ins Leben rufen. Ich freue mich, wenn Sie mit Ihren Ideen und Ansätzen mit dabei sind.


Zum Thema: Bitkom-Positionspapier zum Status Quo der FinTechs in Deutschland

Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass sich der Finanzsektor grundlegend verändert. Viele dieser neuen Dienstleistungen werden durch FinTechs ermöglicht. Der Finanzmarkt besteht aus den unterschiedlichsten Bereichen, manch ein Großer adressiert hier sämtliche Segmente, aber viele der neuen FinTechs befassen sich ganz gezielt mit Aspekten einzelner Nischen oder Prozessschritten. Diese möchten wir in einem Positionspapier betrachten. In den vergangenen 12 Monaten hat sich die gesamte Zusammenarbeit zwischen traditionellen Playern und Newcomern grundlegend verändert. Skepsis und Ablehnung haben sich gewandelt und immer mehr kooperative Ansätze sind entstanden, die wir ebenfalls vorstellen möchten. Bitkom begrüßt diese Entwicklung und fördert den Dialog zwischen sämtlichen Playern entlang der Finanzmarkt-Wertschöpfung.

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